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Aufgedeckt: Globale Auswirkungen der illegalen Fischerei und Menschenrechtsverletzungen durch Chinas Fernfischereiflotte
Mai 02, 2022

Aufgedeckt: Globale Auswirkungen der illegalen Fischerei und Menschenrechtsverletzungen durch Chinas Fernfischereiflotte

Von EJF-Team

In der chinesischen Fernfischereiflotte, der mit Abstand größten weltweit, sind Menschenrechtsverletzungen und illegale Fischerei weit verbreitet und diese Flotte gefährdet geschütztes Meeresleben im Ozean weltweit, wie unser neuer Bericht zeigt.

In der bisher umfassendsten Analyse der Flotte zeigt EJF auf, dass es Chinas staatliche Subventionen der Flotte ermöglicht haben, die Gewässer von Ländern des globalen Südens auszubeuten, die auf Fisch und marine Ressourcen für Ernährungssicherheit und Lebensunterhalte ihrer Bevölkerungen angewiesen sind.

Die Zerstörung wird durch den oft kompletten Mangel an Transparenz in der globalen Fischerei ermöglicht. Als Gegenmaßnahme müssen alle Länder schon heute verfügbare, kosteneffiziente Maßnahmen umsetzen, die allen Beteiligten eine sehr viel stärkere Kontrolle über ihre Lieferketten für Fisch und Meeresfrüchte geben würden.

Die chinesische Fernfischereiflotte operiert auf der ganzen Welt, mit Folgen für fast alle Länder, wie der Bericht zeigt, in dem Daten der chinesischen Regierung mit Aufzeichnungen über illegalen Fischfang und Aussagen von Besatzungsmitgliedern abgeglichen werden.

Illegale Fischerei

Illegaler Fischfang ist in der chinesischen Fernfischereiflotte weit verbreitet. Die von uns gesammelten Aussagen von über hundert Besatzungsmitgliedern an Bord von 88 Schiffen zeigten, dass 95 % der Befragten berichteten, dass sie verschiedene Formen illegalen Fischfangs beobachtet haben.

Fast alle befragten Besatzungsmitglieder gaben an, dass Haien an Bord der Schiffe illegal die Flossen abgetrennt wurden – eine grausame und verschwenderische Praktik, bei der die wertvolleren Flossen abgetrennt werden und der Hai zum Sterben über Bord geworfen wird. Smartphone-Aufnahmen, die uns vorliegen, zeigen zudem, wie Seelöwen zu Tode geknüppelt und ihre Köpfe abgetrennt wurden. Mehr als ein Drittel der Befragten berichtete, dass geschützte Arten wie Schildkröten und Robben auf ihren Schiffen gefangen und getötet wurden. Rund ein Fünftel der Besatzung gab außerdem an, dass Delfine routinemäßig als Köder für Haie geschlachtet wurden.

„Es spielte keine Rolle, ob der Hai groß oder klein war, sogar mit Jungtieren im Bauch der Haie - wir fingen sie alle. Ich glaube, man könnte es ein ‚Teufelsschiff‘ nennen, weil es wirklich alles mitnahm“, berichtete ein Besatzungsmitglied.

Menschenrechtsverletzungen

Die zerstörerischen Praktiken der chinesischen Fernfischereiflotte werden nicht nur durch schädliche staatliche Subventionen – in Höhe von rund ca. 1,65 Mrd. Euro – ermöglicht, sondern auch durch grobe Menschenrechtsverletzungen an Wanderarbeitern an Bord der Schiffe. Diese Arbeiter berichteten von körperlichen und verbalen Misshandlungen, zermürbenden Arbeitszeiten, unzureichender Versorgung mit Nahrung und Wasser sowie Zwangsarbeit durch chinesische Kapitäne und andere Führungspersonen.

Die Interviews und das Filmmaterial, das wir zusammengetragen haben, zeigen, dass z. B. indonesische Besatzungsmitglieder von leitenden chinesischen Crewmitgliedern mit Metallrohren geschlagen und mit Messern bedroht wurden. Insgesamt gaben 58 % der befragten Besatzungsmitglieder an, dass sie körperliche Gewalt gesehen oder erlebt haben. 85 % der Interviewten berichteten von missbräuchlichen Arbeits- und Lebensbedingungen. „Ich wurde gefesselt und geschlagen. Sie schlugen jeden Teil meines Körpers“, sagte ein indonesischer Mann. Darüber hinaus gaben fast alle befragten Besatzungsmitglieder (97 %) an, dass sie in irgendeiner Form von Schuldknechtschaft betroffen waren, oder dass ihnen wichtige Dokumente wie Pässe abgenommen wurden.

Intransparente Unternehmen

Der Bericht untersucht nicht nur die auf See begangenen Straftaten, sondern auch die Unternehmen, die an diesen Verstößen beteiligt sind und zeigt die komplexen Unternehmensstrukturen der Flotte an Land auf. In Ghana beispielsweise stehen mindestens 90 % der industriellen Schleppnetzfischereiflotte des Landes unter Verdacht, chinesischen Unternehmen zu gehören, die sich über lokale Scheinfirmen als ghanaische Unternehmen registrieren lassen und so die lokalen Gesetze umgehen. Viele dieser Schiffe wurden wiederholt mit illegalem Fischfang in Verbindung gebracht.

Wo der von der Flotte gefangene Fisch letztendlich landet, ist ebenfalls nur sehr schwer nachzuvollziehen, so dass es kaum oder gar nicht möglich ist, Lieferketten zurückzuverfolgen. Bekannt ist jedoch, dass eine Reihe chinesischer Fernfischereifahrzeuge Genehmigungen für den Export nach Europa besitzen. China ist zudem der größte Handelspartner der USA im Bereich Seafood.

Ausbeutung der Gewässer der Länder des globalen Südens

Die chinesische Fernfischereiflotte ist sehr präsent in vielen Ländern und Regionen, die nur über begrenzte Kapazitäten zur Überwachung von Fischereifahrzeugen verfügen, aber in hohem Maß von der Fischerei abhängig sind, um die Ernährungssicherheit vor Ort und Lebensunterhalte zu sichern, wie der Bericht zeigt.

Der Großteil der von der chinesischen Regierung genehmigten Fischereiprojekte in anderen Ländern liegt mit 78,5 % in afrikanischen Gewässern. In Westafrika, einer Region, die für illegale Fischerei traurige Berühmtheit erlangt hat, fängt die chinesische Grundschleppnetzflotte jedes Jahr schätzungsweise 2,35 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte. Nach einigen Schätzungen entspricht dies etwa der Hälfte der gesamten Fänge der chinesischen Fernfischereiflotte, mit einem Wert von über 4,55 Mrd. Euro. Viele Fischpopulationen vor Afrika werden stark befischt und sind teilweise bereits in einem kritischen Zustand. Eine weitere Verschlechterung hätte katastrophale Auswirkungen für bereits jetzt vulnerable Küstengemeinden.

Diese staatlich subventionierten Schiffe verwüsten den Ozean, verletzen Menschenrechte und befördern die Umweltungerechtigkeit. Sie verstecken sich hinter komplexen Unternehmensstrukturen an Land und verhindern somit, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Diese Erkenntnisse verdeutlichen das allgemeine Versagen der chinesischen Regierung bei der wirksamen Kontrolle und Regulierung ihrer Fernfischereiflotte, zeigen aber auch ein größeres internationales Problem auf: den eklatanten Mangel an Transparenz in diesem Sektor. China muss dementsprechend seine Flotte kontrollieren und jedes Land, das Fisch importiert, der von chinesischen Schiffen gefangen wurde, sollte volle Transparenz entlang der gesamten Lieferkette einfordern. Nur so können wir sicher sein, dass wir als Verbraucher*innen keinen Fisch konsumieren, der mit Sklavenarbeit gefangen wurde und der zur Zerstörung unseres Ozeans beiträgt.

Link zum Bericht

Link zum Film