Spenden
Phoskill

Giftstoffe in Lebensmitteln und Textilien

Heute jährt sich einer der schlimmsten Industrieunfälle der Welt zum 36. Mal – eine tragische und vermeidbare Katastrophe, bei der eine halbe Million Menschen giftigen Gasen ausgesetzt waren. Sie traten damals aus der Pestizidfabrik von Union Carbide India in Bhopal, Indien, aus. Fast 4.000 Menschen wurden sofort getötet, Hunderttausende erlitten schwere Krankheiten und viele starben später an ihren schrecklichen Verletzungen.

Nach wie vor im Einsatz

Trotz des schrecklichen Vorfalls in Bhopal gilt der Einsatz von Pestiziden auf der ganzen Welt weiterhin als "normal". Und das Geschäft mit den giftigen Stoffen ist ein äußerst lukratives: Heute hat die landwirtschaftliche Pestiz-Industrie einen Wert von 60 Milliarden US-Dollar. Der Pestizidverbrauch ist von 1,8 Millionen Tonnen im Jahr 1990 heute auf fast 3 Millionen Tonnen angestiegen.

Die Katastrophe in Bhopal verdeutlicht, dass Pestizide extrem gefährliche Gifte sind, die oft von chemischen Waffen wie Saringas oder Novichok abgeleitet oder mit ihnen verwandt sind. Diese Chemikalien töten nicht nur Schädlinge, sondern reichern sich auch in der natürlichen Nahrungskette an und vernichten die biologische Vielfalt, indem sie Insekten, Vögel, Säugetiere und Fische töten.

Die Gefahren für den Menschen sind ebenso alarmierend: Es ist erwiesen, dass Pestizide Krebs, Missbildungen bei Ungeborenen, hormonelle Störungen, Unfruchtbarkeit, mentale Behinderungen, Darmbeschwerden und Störungen des Immunsystems verursachen. Schätzungen zufolge sind seit den frühen 1950er Jahren etwa 800.000 Menschen in Entwicklungsländern an Pestizid-Vergiftungen gestorben. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass Pestizide für bis zu 200.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich sind.

Hohes Gesundheitsrisiko

Pestizide können Krebs, Missbildungen bei Ungeborenen, hormonelle Störungen, Unfruchtbarkeit, mentale Behinderungen, Darmbeschwerden und Störungen des Immunsystems verursachen.

Hartnäckige Rückstände

Pestizide sind heute so weit verbreitet, dass ihre Rückstände in allen Teilen der Welt nachgewiesen werden können: Zu den "persistenten organischen Schadstoffen" gehört das Pestizid Endosulfan, das in Proben von Geiern bis hin zu Belugawalen und in abgelegenen Regionen wie dem Himalaja sowie der Arktis gefunden wurde.

Obwohl die Verwendung des Insektizids Dichlordiphenyltrichlorethan, kurz DDT, in der Landwirtschaft bereits vor Jahrzehnten weltweit verboten wurde, kann man es immer noch in Böden und Nahrungsmitteln wie Rindfleisch und Eiern nachweisen. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), stellte fest, dass fast die Hälfte (47,8%) ihrer 91.015 Lebensmittelproben quantifizierbare Spuren von Pestiziden enthielt. Etwa ein Drittel (29,1%) enthielt Spuren von mehr als einem Pestizid. Der US Geological Survey hat Glyphosat in mehr als 75% der Regenproben im gesamten Mittleren Westen der USA nachgewiesen. Rückstände wurden in 27 von 109 Proben von verkauftem Brot in Großbritannien gefunden.

Giftige Baumwolle

Obwohl Baumwolle nur etwa 2,3% der weltweiten Ackerfläche ausmacht, werden etwas mehr als 16% der weltweiten Insektizide für ihren Anbau verwendet. In vielen Ländern sind diese Zahlen noch drastischer: In Indien wird Baumwolle z.B. auf 5% des Ackerlandes angebaut, ist jedoch für 50% des Pestizideinsatzes des Landes verantwortlich.

Problematisch ist nicht nur die Menge der in der Baumwolle verwendeten Pestizide, sondern auch ihre toxische Wirkung: Baumwolle verwendet einen höheren Prozentsatz an "hochgefährlichen Pestiziden" (oder HHPs) als jede andere Kulturpflanze. Während weltweit für den Anbau von Getreide 25,8% und von Reis 43,5% dieser Stoffe eingesetzt werden, beträgt der entsprechende Anteil bei Baumwolle 69,1%.

Unerwartete Folgen

Technologische Fortschritte in den letzten 25 Jahren sollten die Abhängigkeit von Pestiziden beim Baumwollanbau beenden. Doch leider war der gegenteilige Effekt der Fall: Gentechnisch verändertes Saatgut für Baumwolle von Monsanto wurde Mitte der 1990er Jahre patentiert, um Schädlingen wie den Baumwollkapselwurm zu bekämpfen. Die so genannte "Bt-Baumwolle", die durch den Zusatz von Genen des Bacillus thuringiensis (Bt) in die Baumwollpflanze entstand, verwandelte die Pflanze selbst effektiv in ein Pestizid. Die Nachfrage nach Bt-Baumwolle war außerordentlich hoch: Bis zur Anbausaison 2012/13, nach nur 15 Jahren auf dem Markt, wurden Bt-Baumwolle und andere Biotech-Sorten auf 23 Millionen Hektar Baumwollplantagen angepflanzt – das sind 68% der weltweiten Gesamtfläche.

Diese Umstellung hatte unerwartete Folgen: Sekundärschädlinge – Blattläuse, Thripse und Weiße Fliegen – füllten das Vakuum, das der Baumwollkapselwurm hinterlassen hatte. Zusätzlich wurde dieser bald resistent gegen die Bt-Baumwolle. Bis 2018 waren in Indien, dem weltweit grössten Baumwollproduzenten, die Kosten pro Hektar für den Einsatz von Insektiziden um 37% höher als 2001.

Auch in den USA pflanzten Bauern und Bäuerinnen gentechnisch veränderte Baumwolle an. Dies führte schließlich zu einem enormen Anstieg des Einsatzes von Herbiziden: Bis 2011 waren schätzungsweise 96% der gesamten Baumwolle der Vereinigten Staaten herbizidresistent; der Herbizideinsatz stieg von 2,1 Kilogramm pro Hektar im Jahr 1996 auf 3,0 Kilogramm pro Hektar im Jahr 2010. Es wird geschätzt, dass allein in den USA die herbizidresistente Pflanzentechnologie zwischen 1996 und 2011 zu einem Anstieg des Herbizideinsatzes um 239 Millionen Kilogramm geführt hat.

Zum Scheitern verurteilt

Abgesehen von den Umweltschäden sowie den Gesundheitsrisiken, die mit dem exzessiven Einsatz einher gingen, war er ebenso irrational: Weil man sich auf wiederholte Anwendungen eines Herbizids verließ, wurden immer mehr Unkräuter gegen seine Wirkung resistent. Laut der Weed Science Society of America wurden im Jahr 2012 in den USA über 5,7 Millionen Hektar Boden von 22 verschiedenen Arten herbizidresistenter Pflanzen überwuchert. Einer weiteren Schätzung zufolge könnten herbizidresistente Unkräuter auf 40 Millionen Hektar amerikanischer Böden mittlerweile bis zu sieben Mal häufiger vorkommen.

Auf diese Weise zu wirtschaften – also Gifte zu verbreiten, welche die biologische Vielfalt auslöschen, aber schließlich nicht mehr wirksam sind, weil Zielschädlinge Resistenzen entwickeln – ist ebenso unsinnig wie zerstörerisch. Eine Handvoll Unternehmen profitieren von dieser Verwüstung. Gleichzeitig setzen sie Landwirt*innen und Verbraucher*innen ernsten Gefahren aus.

Studien haben gezeigt, dass Baumwolle ebenso wie Lebensmittel Spuren dieser giftigen Chemikalien enthalten: 2015 ergaben Untersuchungen der Universität La Plata in Argentinien, dass 85% der Baumwolle, die im medizinischen oder sanitären Bereich verwendet wird – z.B. Mull, Tupfer, Wischtücher und Tampons – Glyphosat enthält. Forschungsarbeiten aus Simbabwe im Jahr 2019 entdeckten Endosulfan in verarbeiteter Baumwolle mit fast doppelt so hohen Rückständen, wie eigentlich zulässig sind.

Der Einsatz von Pestiziden beim Anbau von Baumwolle ist besonders besorgniserregend, da die Kulturpflanze verschiedene wichtige Nebenprodukte enthält, welche letztendlich auch in die Nahrungskette gelangen können. Gemessen am Gewicht handelt es sich bei zwei Dritteln der geernteten Baumwolle nicht um Fasern, aus denen Gewebe hergestellt wird, sondern um Samen, die zerkleinert und als Speiseöl und Margarine in Entwicklungsländern verwendet werden. Mehl und Schalen, die reich an Proteinen, aber giftig für den Menschen sind, werden als Futtermittel für Vieh – in der Regel Rinder, Geflügel und Fisch – verwendet. Dies kann zu einem Prozess führen, der als "Bio-Magnifikation" bezeichnet wird und bei dem die Konzentration von Pestiziden auf dem Weg durch die Nahrungskette ansteigt.

Pestizide machen eine Handvoll Unternehmen reich, setzen jedoch Landwirt*innen und Konsument*innen ernsten Gefahren aus.

Steve Trent, EJF-Geschäftsführer

Eine entscheidende Phase

Derzeit erwägt die EU, eine eklatante Lücke zu schließen, die es EU-Unternehmen erlaubt, Pestizide herzustellen und zu exportieren, die in der EU verboten sind.

Paraquat zum Beispiel ist in der Schweiz seit 1989 und in der EU seit 2007 verboten, weil es immer wieder mit einem erhöhten Risiko für Leukämie, Haut- und Hirntumore, Schilddrüsen- und Nierenerkrankungen sowie Lungenödeme in Verbindung gebracht wurde. Die Exposition gegenüber Paraquat führt auch zu einer Verdoppelung des Risikos einer Erkrankung an Parkinson. Dennoch exportiert die Schweizer Firma Syngenta Berichten zufolge durchschnittlich 41.000 Tonnen Paraquat pro Jahr aus ihrem britischen Werk in Huddersfield. Auch die deutsche Firma Helm exportiert Paraquat in Entwicklungsländer.

Europäische Hersteller exportieren wissentlich giftige Chemikalien, deren Verwendung hier verboten ist, und verkaufen stattdessen an Märkte, die Umweltschutz sowie entsprechende Gesetze und Richtlinien nur unzureichend beachten. Schlimmer noch: Oftmals sind sich die Landwirt*innen der Risiken für ihre eigene Gesundheit nicht bewusst.

Chemische Waffen

Pestizide sind extrem gefährliche Stoffe, die oft von Giften in chemischen Waffen (z.B. wie Saringas oder Novichok) abgeleitet oder mit ihnen verwandt sind.

Der Blick nach vorn

In den USA wendet sich langsam das Blatt: Im Juni 2020 Jahres erklärte sich der Chemieriese Bayer, der 2018 Monsanto erworben hatte, bereit, mehr als 10 Milliarden US-Dollar auszuzahlen, um die Klagen Zehntausender Amerikaner*innen beizulegen. Sie waren am Non-Hodgkin-Lymphom und anderen Krebsarten erkrankt und hatten Bayers Glyphosat – "Round-Up" – und andere Herbizide dafür verantwortlich gemacht. Dies folgte auf die Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation als "wahrscheinlich krebserregend" im März 2015. Das Unkrautvernichtungsmittel wird auch weithin als "endokriner Disruptor" angesehen, was bedeutet, dass es die menschlichen Hormone durcheinander bringt und Unfruchtbarkeit sowie Geburtsfehler verursachen kann.

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Europäische Union das Versprechen der EU-Kommission, Schlupflöcher in ihrer "Chemikalienstrategie" im Rahmen des neuen Green Deal zu schließen, weiterverfolgt. Strenge Standards für den Handel mit Pestiziden müssen bei allen künftigen Handelsabkommen nach wie vor beibehalten werden.

Auch Verbraucher*innen haben eine wichtige Rolle zu spielen: Wenn sie sich für den Kauf von ökologisch produzierter Baumwolle entscheiden, unterstützen sie eine Form des Baumwollanbaus, die nicht nur unsere natürliche Umwelt sondern auch unzählige Landwirt*innen sowie ihre Familien schützt.

Weitere Beiträge