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20 Jahre im Kampf gegen Pestizide

Seit über zwei Jahrzehnten setzt sich EJF dafür ein, Verbrechen gegen unsere natürliche Umwelt sowie Verstöße gegen Menschenrechte aufzudecken und zu beenden. Der Kampf gegen giftige Pestizide, die nicht nur die Gesundheit unserer Natur sondern auch unsere eigene gefährden, ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.

Eine Gefahr für Mensch und Umwelt

In Kambodscha startete vor rund 20 Jahren eines der ersten EJF-Projekte. Unser Filmteam dokumentierte zu dieser Zeit das "ökologische Nachbeben" der Diktatur der Roten Khmer der 1970er Jahre. Bereits damals wurden klare Zusammenhänge zwischen Menschenrechtsverletzungen und Fällen von Umweltzerstörung deutlich.

Der Völkermord in Kambodscha hatte Jahrhunderte landwirtschaftlichen Wissens ausgelöscht. Es fehlte an allem, was die Landwirtschaft traditionell benötigte: Investitionen, Know-how, Saatgut, Arbeitskräfte – und Geduld. Das Ergebnis: ein Vakuum an Fertigkeiten und Kontrollen, das besonders anfällig dafür war, ausgebeutet zu werden.

EJF dokumentierte einen plötzlichen Zustrom tödlicher Pestizide aus Nachbarländern. Endosulfan, ein chlororganisches Pestizid, wurde dabei am häufigsten verzeichnet. Das Mittel ist bekannt für seine hohe Toxizität, lange Abbauzeiten und seine Anreicherung von Schadstoffen in der Umwelt. Darüber hinaus ist Endosulfan auch äußerst schädlich für den Menschen, indem es Hormonstörungen und Geburtsfehler verursachen kann.

Ein tödlicher Cocktail

In Zusammenarbeit mit dem kambodschanischen Zentrum für Studien und Entwicklung in der Landwirtschaft zeichnete EJF auf, wie Landwirt*innen verschiedene Pestizide in Softdrink-Flaschen mischten und diesen tödlichen Cocktail auf ein kleines Stück Land sprühten. Der übel schmeckende Nebel bedeckte Böden und Viehherden, bahnte sich seinen Weg in die umliegenden Gewässer und fügte so dem Land und den Familien, die darauf lebten, unermesslichen Schaden zu.

EJF dokumentierte Fälle, in denen Schulkinder dazu gezwungen wurden, die tödlichen Gifte zu versprühen. Schutzausrüstung fehlte gänzlich. Bauern und Bäuerinnen – viele von ihnen Analphabet*innen – hatten nicht die geringste Chance, die Warnhinweise auf den Flaschen oder Verpackungen zu verstehen.

Menschen klagten über Krankheiten, von denen Eltern und Großeltern noch nie zuvor etwas gehört hatten. Neugeborene kamen mit deformierten Gelenken auf die Welt; Kinder kämpften mit gravierenden Lernschwierigkeiten.

Er fiel wie eine Frucht vom Baum.

Mutter eines 11-Jährigen, der auf einer Plantage kurz nach dem Versprühen eines Pestizid-Gemischs kollabierte und starb

Erbitterter Kampf für ein Verbot

Es war ein mühsamer, langer Kampf, bis Endosulfan schließlich der Stockholmer Konvention – einem internationalen Vertrag über verbotene Chemikalien – hinzugefügt wurde. Ein entscheidender Erfolg unserer internationalen Kampagnenarbeit: Das Insektizid ist in mehr als 80 Ländern verboten und befindet sich weltweit in der Auslaufphase.

Mitte der 2000er Jahre riefen wir unsere Baumwollkampagne ins Leben – und erneut rückten Endosulfan und eine Vielzahl anderer schädlicher Chemikalien in den Vordergrund unserer Arbeit. Baumwolle macht etwa 25% der weltweiten Textilproduktion aus und ist bekanntermaßen anfällig für über 400 Schädlinge und Krankheiten.

Von Indien über Mali, Ägypten bis nach Usbekistan sammelten wir vor Ort Beweise, erstellten Berichte zu den Folgen des intensiven Einsatzes von Pestiziden für Mensch und Umwelt und arbeiteten mit Aktivist*innen zusammen, die entschlossen für ein Ende des Handels mit Giftstoffen kämpfen.

Keine Chance

Häufig sind Warnhinweise auf den Verpackungen der Giftstoffe nicht in der Landessprache verfasst. Landwirte können sie oft nicht lesen bzw. verstehen und haben dementsprechend keinerlei Vorstellung davon, welcher Gefahr sie sich aussetzen.

Boom für Monsanto, Bayer und Co.

In den frühen 2000er Jahren verzeichneten multinationale Hersteller und Verkäufer von Saatgut, Pestiziden und Düngemitteln wie Monsanto, Syngenta und Bayer wahre Aufschwungsjahre: Sie hatten genetisch veränderte Nutzpflanzen – einschließlich genetisch veränderte Baumwolle – entwickelt und patentieren lassen. Diese genetisch veränderten Pflanzen sollten nicht nur gegen Schädlinge, sondern besonders gegen Pestizide resistent sein.

Indem beispielsweise genetisch veränderte Baumwolle gegen das Unkrautvernichtungsmittel Dicamba resistent gemacht wurde, konnte das Gift großzügig über Felder verteilt werden, ohne die Sorge, dass Felder einen Schaden davontrugen.

Infolge des massiven Einsatzes von Chemikalien nahm die Bodenfruchtbarkeit der sonst natürlichen Felder immer mehr ab. Baumwollbauern und -bäuerinnen in Indien, Brasilien, Australien, China und den USA begannen damit, ihre Pflanzen immer häufiger zu besprühen, um die immer kürzer werdenden Wachstumszeiträume bestmöglich zu nutzen. Doch Schädlinge wurden resistent und ihre natürlichen Feinde vernichtet. Landwirt*innen waren dadurch zunehmend darauf angewiesen, immer mehr Düngemittel, modifiziertes Saatgut und neue patentierte Gifte zu kaufen, um mit der Konkurrenz mitzuhalten – ein wahrer Teufelskreis.

Besonders kritisch

Baumwolle wird von vielen Kontrollbehörden nicht als Nahrungspflanze klassifiziert. Samen werden jedoch zur Herstellung von Speiseölen und Margarinen verwendet; Schalen dienen als Futter für Rinder und Hühner. So können auf Baumwollfelder gesprühte, toxische Pestizide in die Nahrungskette gelangen. Eines davon ist bspw. das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, auch bekannt als "Roundup". Es findet sich immer wieder im Urin von Kühen, in Hühnereiern und sogar in der Muttermilch von Frauen.

Giftige Strategie

Im Laufe der Jahre wurden sogenannte “Killerpestizide” wie Paraquat und Monocrotophos weitgehend verboten. Doch die agrochemische Industrie hatte bereits eine düstere, neue Strategie entwickelt: Als diese Substanzen in den Industrieländern verboten wurden, begannen Bayer und Syngenta damit, sie in Entwicklungsländer zu verschiffen.

Das Ergebnis: Bis heute werden so nach wie vor Pestizide, die so tödlich sind, dass ein einziger Schluck zum Tod führen kann, von renommierten Firmen verkauft. So exportiert das Syngenta-Werk Huddersfield in Großbritannien pro Jahr durchschnittlich 41.000 Tonnen Paraquat, obwohl das Produkt in Grossbritannien und der EU seit 2007 verboten ist.

Schlupflöcher wie diese sind technisch gesehen legal. Doch sie repräsentieren eine schockierende Ungerechtigkeit. Pestizide verursachen Epidemien: Sie sind für Krebs, kognitive Beeinträchtigungen, Geburtsfehler und den Zusammenbruch der biologischen Vielfalt verantwortlich. Wenn ihr Einsatz in der EU und im Vereinigten Königreich verboten ist, sollte es unserer Meinung nach ein Wirtschaftsverbrechen sein, sie hier herstellen und außerhalb der EU verkaufen zu dürfen.

Ein Problem vor unserer Haustür

Die Debatte rund um Pestizide mag wie eine Diskussion um ein weit entferntes Problem klingen – ein Problem für arme Bauern und Bäuerinnen, die über keine Schutzausrüstung verfügen. Doch die Normalisierung von Glyphosat ist ein Fallbeispiel dafür, wie eine giftige Chemikalie auch unsere westliche Welt erobern kann. Das berüchtigte Unkrautvernichtungsmittel ist in fast jedem Gartencenter in Europa zu finden – und das, obwohl es von der Internationalen Agentur für Krebsforschung der WHO als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft wird.

Aus diesem Grund wurde Bayer – seit 2018 Eigentümer des Gentechnik-Riesen Monsanto – in den USA zu einer Strafzahlung von 10 Milliarden US-Dollar verklagt. Der gerichtliche Vergleich erkannte an, dass Zehntausende amerikanische Landwirt*innen Glyphosat für ihre chronischen Erkrankungen, insbesondere den Blutkrebs, das Non-Hodgkin-Lymphom, verantwortlich machen. Darüber hinaus zeigte sich, dass das Pestizid bei Dosierungen weit unterhalb der anerkannten Höchstmenge Leber- und Nierenschäden verursacht, Darmschäden hervorruft sowie die Bodenfruchtbarkeit durch Bindung von Spurenelementen verringert.

Glyphosat ist so konzipiert, dass es in die Zellen von Pflanzen eindringt. Es kann nicht durch Waschen, Schälen oder Kochen unschädlich gemacht werden. Mittlerweile ist es in fast all unseren Lebensmitteln enthalten: Der U.S. Geological Survey (USGS) hat es in mehr als 75% der Regenproben im gesamten Mittleren Westen Amerikas nachgewiesen. Pestizide sind in der Nahrungsmittelkette inzwischen so weit verbreitet, dass in fast der Hälfte (47,8%) von 91.015 Proben, die kürzlich von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit getestet wurden, Pestizide gefunden wurden. Sie sind so hartnäckig, dass Rückstände noch Jahrzehnte, nachdem es in der Landwirtschaft verboten wurde, gefunden werden.

Wer ist verantwortlich?

Die Pestizid-Industrie hat einen Wert von fast 60 Milliarden US-Dollar. Diesen Kuchen teilen sich nur eine Handvoll großer Unternehmen. Wie Tabakkonzerne lobbyieren diese mächtigen Firmen, beeinflussen politische Entscheidungsträger*innen, finanzieren Kampagnen und säen Vertrauen, indem sie Wissenschaftler*innen für bestechen oder in ihre Aufsichtsräte wählen. Sie können es sich leisten, überzeugend zu sein: Das Marketingbudget von Monsanto zum Beispiel liegt knapp unter 100 Millionen Dollar – pro Jahr.

Und doch dominiert Glyphosat immer noch die Landwirtschaft und den Gartenbau vor unserer eigenen Haustür: Einige Stadtverwaltungen vergeben die Parkpflege immer noch an Firmen, deren Einsatz von Glyphosat selten infrage gestellt wird. Supermärkte verdienen Millionen mit dem Verkauf des Unkraut-Killers. Unser zwanghafter Wille, alles bis auf's Gras zu töten, bedeutet, dass wir für die Pestizid-Tragödie genauso verantwortlich sind, wie hilflose und verzweifelte Landwirt*innen in Entwicklungsländern.

Der einzige nachhaltige Weg, uns selbst und künftige Generationen mit Nahrung und Baumwolle zu versorgen, besteht darin, ökologisch zu wirtschaften und Felder nicht mit synthetischen Chemikalien zu überschwemmen.

Steve Trent, EJF-Geschäftsführer

Der Weg in die Zukunft

Auch wenn Siege schwer zu erringen erscheinen, sind sie es wert, gewonnen zu werden. Unsere Filme und Berichte der letzten 20 Jahre haben dazu beigetragen, das öffentliche Bewusstsein für die "wahren" Kosten, die chemische Pestizide allzu oft mit sich bringen, zu steigern.

Indische Behörden diskutieren derzeit über ein Verbot von Monocrotophos und anderen als hochgefährlich eingestuften Pestiziden; verschiedene amerikanische Bundesstaaten haben Dicamba verboten. Die Europäische Union hat die drei wichtigsten Neonicotinoide – Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam – für die Verwendung im Freien verboten.

Wir müssen aufhören, unsere Felder mit synthetischen Chemikalien zu tränken, die niemals den Weg aus dem Labor hätten finden dürfen. Mit unserer Arbeit setzen wir uns dafür ein, politische Entscheidungsträger*innen, Behörden, den Einzelhandel sowie Verbraucher*innen genau dafür zu sensibilisieren.

Der Einsatz von Glyphosat darf niemals normalisiert werden. Die Landwirtschaft ist auf gesunden Menschenverstand, Wissen, Erfahrung und Ehrlichkeit angewiesen – nicht auf gentechnisch veränderte Pflanzen und Mega-Konzerne.

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