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Die Opfer der Baumwollproduktion

Das Geschäft mit Baumwolle ist ein schmutziges: Konventionelle Baumwolle verbraucht mehr chemische Pestizide als jede andere wichtige Nutzpflanze. Dabei nimmt sie gerade einmal 2,4% der weltweiten Anbaufläche ein.

Der Einsatz dieser giftigen Chemikalien hinterlässt eine Spur der Verwüstung und verursacht sowohl eine ökologische als auch eine menschliche Katastrophe.

Eine toxische Industrie

Verarmte Bauern und Bäuerinnen sind die Opfer der ausbeuterischen Baumwollindustrie. Jedes Mal, wenn wir uns entscheiden, günstige, konventionelle Baumwollkleidung zu kaufen, tragen wir zu ihrem Leid bei. Denn sie zahlen den wahren Preis für billige Mode.

In Entwicklungsländern verbreiten internationale Konzerne die Lüge, dass giftige Chemikalien für den Baumwollanbau unerlässlich seien. Besonders akut ist dies in Indien, dem weltweit führenden Produzenten für Baumwolle. Jedes Jahr vergiften sich viele der 5,8 Millionen Baumwollbauern und -bäuerinnen in Indien, weil sie Pestiziden ausgesetzt sind. Viele sterben, andere leiden weiterhin an chronischen Krankheiten.

Gleichzeitig ist Indien auch der weltweit führende Produzent von Bio-Baumwolle und bedient einen Anteil von mehr als 50% der weltweiten Nachfrage. Dennoch stammt derzeit nur 1% der Baumwolle aus Indien aus biologischem Anbau.

Im März diesen Jahres reiste ein EJF-Team nach Indien, um mit Menschen zu sprechen, die direkt betroffen sind – und mit denen, die versuchen, Indien auf den Weg zum biologischen Baumwollanbau zu bringen. Dies sind ihre Geschichten.

Zerstörte Existenzen

Im Herzen von Indiens sogenannten "Baumwollgürtel" weckt die Saison 2017 besonders schmerzliche Erinnerungen. Innerhalb weniger Monate starben dort Dutzende von Bauern durch Vergiftung, die mit Pestiziden im Zusammenhang stehen. Etwa tausend weitere wurden in Krankenhäuser eingeliefert.

Das zentrale Krankenhaus im ländlichen Yavatmal war überfordert und schlecht ausgerüstet, um mit der eskalierenden Situation fertig zu werden. Zeug*innen berichten, dass Patient*innen ihre Betten teilen oder auf dem Boden schlafen mussten.

Es geschah in diesem traumatischen Sommer, als Sandeep Madavi seinen Vater Devidas verlor. "Er hat sehr gelitten... er konnte nicht laufen", erinnert Sandeep sich heute. Devidas krümmte sich vor Schmerzen so heftig, dass er ans Bett gefesselt werden musste. Nach zwei Wochen auf der Intensivstation starb er.

Devidas erhielt 200 Rupien (etwas mehr als 2 Euro) dafür, dass er Pestizide versprühte, die letztendlich seinen Tod verursachten. Seine Frau Mangala sagt, dass die Armut den indischen Bauern und Bäuerinnen kaum eine andere Wahl ließe, als ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Was meinem Vater passiert ist, sollte niemandem passieren.

Sandeep Madavi, Sohn von Devidas

Er ging in diesem Jahr nur zum Sprühen, weil er keine andere Arbeit fand. Wäre er nicht Pestizide versprühen gegangen, würde mein Mann heute noch leben.

Mangala, Ehefrau von Devidas

Chronische Exposition

Weltweit sterben jährlich etwa 200.000 Menschen an Vergiftungen mit Pestiziden. Chronische Belastung mit Pestiziden wurde bereits mit Krebs, Alzheimer, Parkinson, Hormon- und Entwicklungsstörungen und Unfruchtbarkeit in Verbindung gebracht.

Kampf gegen Pestizidkonzerne

2017 mag vielleicht ein besonders schlechtes Jahr gewesen sein. Doch in diesem Szenario geht es nicht um ein einziges Jahr oder einen einzigen Ort.

Vergiftungen mit Pestiziden gibt es überall dort, wo sie eingesetzt werden. Ebenso konsequent gestaltet sich der Kampf, Pestizidfirmen für die durch ihre Produkte verursachten Schäden zur Rechenschaft zu ziehen.

Entsetzt über das Ausmaß der Vergiftungen, gründete Devanand Pawar die Maharashtra Association of Pesticide Poisoned Persons (MAPPP). Sie hilft den Opfern, Entschädigungsforderungen an die Konzerne zu stellen.

"Wenn multinationale Konzerne ihre Pestizide verkaufen, sind die Schutzanweisungen auf ihren Produkten in sehr kleinen Buchstaben geschrieben. Diese Firmen wissen sehr gut, dass die Bauern und Bäuerinnen in den Dörfern Analphabeten sind", so Devanand. "Sie sprechen kein Englisch. Das machen sich diese Unternehmen zunutze. Wir wollen zeigen, dass sie uns betrügen."

Die Unternehmen sagen, der Einsatz von Pestiziden bringe eine gute Ernte, doch das ist Betrug. Unsere Leute verlieren ihr Leben. Wir sind wütend darüber. Jetzt kämpfen wir dagegen.

Aktivist für die Rechte der Bäuerinnen und Bauern

Täuschung

Viele Pestizide, für die bislang keine Gegenmittel bekannt sind, überschwemmen weiterhin den indischen Markt. Oftmals sind Warnhinweise nicht in der Landessprache verfasst.

Chronische Schmerzen

Für diejenigen, die eine akute Vergiftung überleben, setzt sich das Leid oft noch lange nach dem Aufenthalt im Krankenhaus fort. Viele dieser Menschen sind arbeitsunfähig und tragen lebenslange Gesundheitsschäden davon.

Drei Jahre nach einer vorübergehenden Erblindung durch Pestizide leidet Satish heute noch an Magenproblemen und Schmerzen in seinen Händen und Beinen. In Indien sind es typischerweise Männer, die Pestizide versprühen. Doch auch Frauen sind gegen die Gefahren nicht immun. "Ich war gerade dabei, die mit Pestiziden besprühten Pflanzen zu bewässern, als mir plötzlich übel wurde", erinnert sich Sindhu. "Meine Nase begann zu laufen, mir wurde schwindelig, meine Augen brannten."

Sindhu nähert sich Pestiziden seitdem nicht länger. Doch ihr Ehemann arbeitet nach wie vor mit den giftigen Stoffen. "Ich denke immer an das Risiko. Aber wir haben keine Wahl", sagt sie. "Wenn wir keine Landwirtschaft betreiben können, was sollen wir dann essen? Was sollen wir in Zukunft tun?"

Zwei bis drei Stunden nach einer Mahlzeit übergebe ich mich.

Satish, Opfer einer Vergiftung mit Pestiziden

Ich hatte Angst... Ich habe zwei Kinder. Meine Tochter ist behindert, ich muss auf sie aufpassen.

Sindhu, Ehefrau und Mutter

Bio-Baumwolle auf dem Vormarsch

Sindu ist bei weitem nicht die Einzige, die sich hilflos und gefangen fühlt. Der Würgegriff der Pestizidkonzerne in Indien ist so stark, dass viele Baumwollbauern und -bäuerinnen glauben, es gäbe keine Alternative.

Doch eine wachsende Bewegung für Bio-Baumwolle im ganzen Land zielt darauf ab, diesen Menschen einen Ausweg zu bieten. Ökologische Landwirtschaft setzt keine schädlichen Pestizide ein. Sie ist besser für die Umwelt und generiert mehr Einkommen, das direkt in die Hände der Bäuerinnen und Bauern fließt.

Wenn in der Landwirtschaft alles ökologisch gemacht wird, garantiert dies eine bessere, gesunde Lebensweise für alle. Es ist wichtig, dass wir das tun, was für unsere Umwelt am besten ist. Nach all den Problemen, die wir mit dem konventionellen Anbau hatten, müssen wir mit ökologischer Landwirtschaft weitermachen.

Usha, Fachkraft für Gesundheitswesen und Botschafterin für Bio-Baumwolle

Unsere Entscheidungen zählen

Die meisten Biobauern und -bäuerinnen verfügen nicht über den Einfluss, den Markt für Baumwolle allein zu übernehmen und sich im Wettbewerb mit den dominanten Pestizidfirmen zu behaupten. Aus diesem Grund haben sich viele von ihnen zu Kollektiven von bis zu 5.000 Personen zusammengeschlossen.

Jetzt liegt es an uns, unseren Beitrag zu leisten und die von ihnen produzierte Bio-Baumwolle zu kaufen. Die Entscheidungen, die wir als Verbraucher*innen treffen, haben Konsequenzen, die unsere gemeinsame Welt prägen. Dies gibt uns die Macht, unsere Zukunft wie nie zuvor zu gestalten.

Wir können uns dafür entscheiden, Teil einer Lieferkette zu sein, die Menschen dazu zwingt, ihr Leben für die Produktion unserer Kleidung zu riskieren. Oder wir können uns dafür entscheiden, Bio-Baumwolle zu fördern, ländliche Gemeinden zu unterstützen und ihr Recht auf ein gesundes Leben und eine sichere natürliche Umwelt zu gewährleisten. Mode muss nicht die Welt kosten – Lasst uns gemeinsam eine Welt schaffen, in der Kleidung nicht nur gut aussieht, sondern auch Gutes tut.

Wir brauchen Unterstützung. Wenn man versteht, dass Pestizide Krankheiten verursachen und Menschenleben in Gefahr bringen, [...] sollte man sich gegen Kleidung aus konventioneller Baumwolle entscheiden.

Sahebrao, Biobauer und Aktivist gegen Pestizide

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