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Illegale Abholzung bedroht indigene Stämme: COVID-19 verzögert Strafverfolgung
Mai 04, 2020

Illegale Abholzung bedroht indigene Stämme: COVID-19 verzögert Strafverfolgung

Von EJF Deutschland

Andre Karipuna ist der 27-jährige Anführer des Stammes der Karipuna, das im westlichen Amazonasgebiet des Bundesstaates Rondônia beheimatet ist. Er ist verzweifelt, denn aktuell finden illegale Fällungen innerhalb des geschützten indigenen Territoriums statt, in dem die Karipuna leben. Sie zerstören die Umwelt und die Ressourcen des Stammes.

Andre hat bei der föderalen Staatsanwaltschaft (Ministério Público Federal) Beschwerde eingelegt. Doch aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie wird sich jegliches Eingreifen durch die Behörden vermutlich auf unbestimmte Zeit verzögern.

Andre hat sich an EJF gewandt in der Hoffnung, dass wir die internationale Öffentlichkeit auf das Problem und die Notlage seines Volkes aufmerksam machen können.

Der Fall der Karipuna ist leider kein Einzelfall im Amazonasgebiet. Illegale Holzfäller nutzen den momentanen Stillstand der Strafverfolgung, der entstanden ist, nachdem Umweltschutzbehörden wegen des COVID-19-Ausbruchs sämtliche Aktivitäten zurückgefahren haben. Bundesbehörden wie das brasilianische Institut für Umwelt und erneuerbare natürliche Ressourcen (Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis) mussten bereits im vergangenen Jahr erhebliche Budgetkürzungen hinnehmen. Diese Kürzungen waren eine Folge der umstrittenen Entwicklungspläne von Präsident Jair Bolsonaro in der Amazonasregion, die von den Lobbygruppen der Agrarindustrie stark unterstützt wurden. Im Februar brachte Bolsonaro einen Gesetzesentwurf zur Öffnung des indigenen Landes für Bergbau, Landwirtschaft und hydraulische Energieerzeugung ein.

COVID-19 bedroht Indigene

Heute zählt die Gemeinschaft der Karipuna nur noch 58 Menschen und ist einer der kleinsten und verletzlichsten indigenen Stämme in der Region. Ihr geschütztes Territorium wird ständig von Holzfällern, Viehzüchtern und anderen Landräubern überfallen, und Anführer wie Andre sehen sich ständigen Todesdrohungen durch diejenigen ausgesetzt, die versuchen, ihr Land illegal auszubeuten.

Die Situation ist aktuell besonders beunruhigend. Andre befürchtet eine mögliche Ansteckung durch diejenigen, die in sein Land eindringen. Die Karipuna sind eine kleine, isolierte Gemeinschaft. Nur eine einzige infizierte Person könnte das Virus schnell auf den ganzen Stamm übertragen. Die Karipuna wissen, wie tödlich Krankheiten von außen sein können, denn sie erlebten einen verheerenden Bevölkerungsrückgang durch Grippe und Lungenentzündung, nachdem es zu Kontakt mit Nicht-Einheimischen gekommen war. Dies führte dazu, dass eine Siedlung der Karipuna von 18 Personen im Jahr 1981 auf nur noch sechs Personen im Jahr 1996 zurückging.

Kein Einzelfall

Die Karipuna sind nur eine der vielen indigenen Gemeinschaften, deren Existenz bedroht ist. Der Stamm der Uru-eu-wau-wau, im größten indigenen Gebiet in Rondônia, hat bereits einen seiner Führer verloren. Am 18. April wurde der 33-jährige Ari Uru-eu-wau-wau tot aufgefunden. Offiziell steht die Todesursache noch nicht fest, doch das Volk der Uru-eu-wau-wau bestreitet nachdrücklich die Möglichkeit eines Unfalls.

"Nein, es war definitiv kein Unfall. Ich sah die Spuren der Schläge an seinem Hals und Körper. Er wurde mit einem Messer erstochen."
– Awapu Uru-eu-wau-wau, 27-jähriger Stammesführer

Die Stammesmitglieder fordern eine sorgfältige Untersuchung. Der tragische Tod Ari's folgt auf einen weiteren Tod eines prominenten indigenen Anführers, Zezico Rodrigues Guajajara, vom Guajajara-Stamm im Bundesstaat Maranhão, der am 31. März ermordet wurde.

Eingeschränkte Mobilität, knappe Ressourcen

Gewalttätige Drohungen sind nur ein Teil der Probleme, mit denen die indigene Bevölkerung in Zeiten von COVID-19 konfrontiert ist. Im Fall des Karitiana-Stammes, einer der verwundbarsten und ärmsten Gemeinschaften in der Region Rondônia, ist die Nahrungsmittelknappheit die unmittelbarste Bedrohung. Da die indigene Bevölkerung in der Neuzeit auch auf Produkte von Märkten in nahe gelegenen Städten angewiesen ist, schränken Quarantänemaßnahmen die Mobilität für den Lebensmitteleinkauf drastisch ein. Gegenwärtig darf niemand das Dorf betreten oder verlassen, mit Ausnahme von öffentlichen Gesundheitseinrichtungen wie dem Zentrum für indigene Gesundheit (Casa de Saúde Indígena).

"Das Schwierigste ist es, genug Nahrung zu bekommen. Wir haben zum Beispiel kein Öl und keinen Zucker. Wir versuchen, uns mit dem zu ernähren, was wir anbauen. Die Stammesangehörigen gehen auf die Jagd, doch es gibt Tage, an denen sie ohne Beute zurückkehren. Da wir nur einen kleinen Fluss haben, der am Dorf vorbeifließt, gibt es nur wenige und kleine Fische."
– Julia Karitiana, Stammesangehörige

NGOs liefern Grundnahrungsmittel

Lokale NGOs im Bundesstaat Rondônia wie Kanindé bieten Hilfe an, indem sie Körbe mit Nahrungsmitteln verteilen. Die Körbe werden sorgfältig desinfiziert und unter Wahrung der sozialen Distanz geliefert, um sicherzustellen, dass es zu keiner Kontamination kommt. Die begrenzten Ressourcen der Organisation hindern sie jedoch daran, mehr Hilfe anzubieten.

EJF unterstützt nachdrücklich das Recht der indigenen Völker Amazoniens auf ihr Territorium, die Kontrolle über ihr Land und ihre Ressourcen und erkennt ihre entscheidende Rolle bei der Verteidigung der biologischen Vielfalt in einem der wichtigsten Ökosysteme der Erde an.

Wir fordern die brasilianische Regierung auf, sichere Hilfspakete bereitzustellen, einschließlich Gesundheitsdiensten, die sofortige Hilfe bringen und die Aufrechterhaltung der Schutzmaßnahmen in Notsituationen zu gewährleisten, damit die illegale Abholzung der Wälder aufgehalten und verhindert werden kann.

Bildnachweis: A. Duart | Flickr