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Das Jahr, in dem die Welt Feuer fing
Sep. 04, 2020

Das Jahr, in dem die Welt Feuer fing

Von EJF Deutschland

2019 erlangten die Brände im Amazonasgebiet weltweite Aufmerksamkeit. Doch 2020 hat sich als ein weitaus zerstörerischeres Jahr für unsere Erde erwiesen. Beginnend mit den Buschbränden in Australien, die über 18 Millionen Hektar verbrannten, fast 100.000 Menschen vertrieben und schätzungsweise drei Milliarden Tiere töteten oder verjagten, wird uns dieses Jahr wohl in trauriger Erinnerung bleiben als das Jahr, in dem die Welt Feuer fing.

Während die Welt gegen die Covid-19-Pandemie kämpfte, sorgten verheerende Brände auf allen Kontinenten dafür, dass unser "gemeinsames Zuhause" in Flammen aufgeht. Waldbrände sind Folgen des Klimawandels. Gleichzeitig stürzen sie uns in einen verheerenden Kreislauf, der Ökosysteme und Menschen weltweit bedroht.

Umweltzerstörung

Die Klimakrise erhöht die Temperaturen weltweit und bringt gefährliche Waldbrände von zunehmender Intensität und Häufigkeit mit sich. Die Arktis erwärmt sich zwei- bis viermal schneller als der globale Durchschnitt; die kleine russische Stadt Werchowjansk – eine der kältesten bewohnten Siedlungen der Welt – brach am 28. Juni 2020 mit einer gemessenen Temperatur von 38ºC einen neuen Rekord.

Eine Hitzewelle in der Arktis hat in diesem Jahr zu einer verheerenden Feuersaison beigetragen: Wärmere Durchschnittstemperaturen lassen den Permafrost schmelzen und trocknen die Torfböden aus, die über Hunderttausende von Jahren gefrorenen Kohlenstoff gespeichert haben. Mit 204 Megatonnen haben die sibirischen Brände im Jahr 2020 bereits in zwei Monaten mehr CO2 freigesetzt als jemals zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2003.

Auch in historisch gesehen feueranfälligeren Regionen wüten Brände in noch nie dagewesenem Ausmaß. Aktuell wüten in Kalifornien über 7.000 Brände. Während die Tierwelt in dieser Region eine hohe Resistenz Feuer gegenüber entwickelt hat, verlängert die Klimakrise die Brandsaison und erhöht die Zahl der gefährlichen und unvorhersehbaren Waldbrände dramatisch. Im Vergleich zu etwa 56.000 Hektar im Jahr 2019, sind 2020 bereits über 1,4 Millionen Hektar verbrannt. Eines der Feuer erfasste den Big Basin-Nationalpark, wodurch ein alter Rotholzwald, in dem über 2000 Jahre alte Bäume stehen, enormen Schaden erlitten und den bereits gefährdeten kalifornischen Kondor akut bedroht hat.

Auf der anderen Seite des Planeten, im Tsavo-Nationalpark – Kenias größtem Schutzgebiet – kam es seit Mai immer wieder zu Bränden, wobei Tausende von Hektar zerstört wurden. Diese Brände bedrohen nicht nur die Lebensräume der Wildtiere, die in diesem Park leben, sondern gefährden auch die Lebensgrundlagen lokaler Gemeinden, deren Einkommen vom Park abhängt.

Nachdem die Brandsaison 2019 einen weltweiten Aufschrei auslöste, steht der Amazonas, eines der artenreichsten Ökosysteme der Welt, erneut in Flammen. Das INPE, Brasiliens staatliche Raumfahrtforschungsbehörde, entdeckte im Juni dieses Jahres 2.248 Brände – die höchste registrierte Zahl seit 13 Jahren. Dieser Anstieg kann direkt mit einer Zunahme der Abholzungsaktivitäten für die Rindfleisch- und Sojaproduktion in Verbindung gebracht werden: Im Jahr 2020 war die Entwaldung um 34% höher als im Jahr 2019.

Im Gegensatz zu anderen Wäldern ist der Amazonas-Regenwald nicht widerstandsfähig gegen Brände: Seine einzigartige Artenvielfalt ist darauf zurückzuführen, dass er seit Hunderttausenden oder Millionen von Jahren frei von größeren Waldbränden war. 2019 und 2020 stellen nun eine existenzielle Bedrohung für die Wildtiere des Amazonas dar, die getötet, vertrieben oder langfristig unter den Auswirkungen des Verlusts ihres Lebensraums leiden werden.

Menschliche Tragödie

Waldbrände stellen nicht nur eine ökologische Katastrophe dar, sie haben auch einen enorm hohen menschlichen Preis. Überall auf der Welt vernichten sie wertvolle Ressourcen und Lebensräume und bedrohen Gemeinschaften. In Russland haben die Brände in der Arktis nach Schätzungen von Regierungsprüfern in den vergangenen drei Jahren 68,9 Milliarden Rubel (etwa eine Milliarde US-Dollar) gekostet.

In Kalifornien sind die Schäden an Umwelt, Menschenleben und Eigentum durch Waldbrände bereits jetzt schon größer als im gesamten Jahr 2019. Fast 200.000 Menschen wurden vertrieben; viele von ihnen haben keine andere Wahl, als sich in überfüllte Unterkünfte zu begeben, wo das Risiko einer Covid-19-Infektion nach wie vor sehr hoch ist.

In Südamerika haben die Waldbrände im Amazonasgebiet nicht nur verheerende ökologische Folgen, sondern verschärfen auch die Ausbeutung und den Missbrauch indigener Völker. 90% der Brände werden durch Brandrodung in der Landwirtschaft verursacht. Ein Drittel dieser Entwaldung wird durch illegale Landspekulation auf öffentlichem, geschütztem und indigenem Land vorangetrieben.

Die Regierung des brasilianischen Rio-Branco-Projekts versucht, eines der abgelegensten und am besten erhaltenen Ökosysteme des Amazonasgebiets auszubeuten. Die Regierung von Präsident Bolsonaro hat sich eine Politik zu eigen gemacht, die eine direkte, gewaltsame Gefahr für das Land und die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung darstellt. Es überrascht nicht, dass die Gebiete, die der wirtschaftlichen Ausbeutung offen stehen, für 70% der Kohlenstoffemissionen im Amazonasgebiet verantwortlich sind.

Während die brasilianische Regierung die meiste Aufmerksamkeit für ihre antikonservative und indigenenfeindliche Politik erhält, sind ähnliche Spannungen im gesamten Amazonasgebiet zu spüren, so z.B. in Venezuela und Kolumbien.

Die Brände im Amazonasgebiet schaden nicht nur den lokalen Gemeinschaften, sondern der gesamten Region und dem Rest der Welt. Jedes Jahr bringt uns die zunehmende Umweltzerstörung im Amazonasgebiet näher an einen Kipppunkt, an dem das Ökosystem nicht mehr in der Lage sein wird, sich selbst zu versorgen. Dies wird eine Kettenreaktion auf regionaler und globaler Ebene auslösen: Der Zusammenbruch des Klimas, der biologischen Vielfalt und der Landwirtschaft, ein hoher Verlust an Süßwasservorräten sowie die Verursachung massiver Kohlenstoffemissionen werden die Folgen sein. Die sozialen und wirtschaftlichen Schäden durch ein derartiges Massenartensterben im Amazonasgebiet würden in 30 Jahren zwischen 957 Milliarden und 3,59 Billionen Dollar kosten.

Blick in die Zukunft

Die durch Waldbrände weltweit verursachten Verwüstungen sind nur ein Vorgeschmack auf unsere Zukunft, wenn wir nicht schnell und entschlossen handeln, um den Klimawandel aufzuhalten. Um unsere natürliche Umwelt als auch die Lebensgrundlagen gefährdeter Gemeinschaften weltweit zu schützen, müssen Regierungen zusammenarbeiten.

Unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen muss beendet werden; Versorgungsketten, die unsere Umwelt zerstören, gehören ausgemerzt; der Landbesitz indigener Völker und Gemeinschaften muss unter Schutz gestellt werden. Nur so können wir unsere Emissionen verringern und langfristig zu einer nachhaltigen und gerechten Zukunft für uns alle beitragen.