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Maxida Märak Portrait

Die neuen Geflüchteten

Seit 2008 wurden jedes Jahr durchschnittlich 21,2 Millionen Menschen durch extreme Wetterereignisse vertrieben.

Der Sudan hat den nationalen Notstand ausgerufen: Verheerende Überschwemmungen haben ganze Dörfer weggespült, Existenzen ruiniert und Menschenleben gefordert. Der Nil hatte den höchsten Stand seit über 100 Jahren erreicht. Fast einhundert Menschen sind gestorben, über eine halbe Million Menschen wurden vertrieben und kämpfen nun mit Armut, Gewalt und dem Verlust ihrer Heimat. Das alles passiert, während die Welt mit den Schultern zuckt und weiter fossile Energieträger verschlingt.

Über 100.000 Bauernhöfe und Häuser wurden zerstört. Hunger wird viele dazu treiben, sich den schätzungsweise drei Millionen sudanesischen Binnen- und Grenzflüchtlingen anzuschließen. Die globale Erwärmung verschärft extreme Wetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen sowie Konflikte um natürliche Ressourcen. Zehntausende Sudanes*innen kamen bereits ums Leben; Millionen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Das ist das menschliche Gesicht der Klimakrise.

Schon heute eine globale Krise

Die Tragödie im Sudan ist eine von vielen: Jedes Jahr zwingt die Klimakrise immer mehr Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Die bestehenden internationalen Rechtsrahmen für Geflüchtete und Migrant*innen schützen die Rechte dieser gefährdeten Gruppen nicht. Seit 2008 wurden jedes Jahr durchschnittlich 21,2 Millionen Menschen durch extreme Wetterereignisse vertrieben. Das entspricht 58.000 Menschen pro Tag oder 41 Menschen pro Minute. Diese Zahlen beinhalten noch nicht die Menschen, die durch langsam einsetzende Bedrohungen wie durch den Anstieg des Meeresspiegels, Wüstenbildung oder klimabedingte Konflikte vertrieben werden.

Selbst wenn es uns gelingt, die Erwärmung im Einklang mit dem Pariser Abkommen auf 2 °C zu begrenzen, gibt es bereits heute Menschen, die sich in klimabedingten humanitären Notsituationen befinden und dringend Schutz benötigen. Beispiele dafür finden sich überall auf der Welt: von Menschen, die durch Küstenerosion in Bangladesch vertrieben werden, über Gemeinschaften, die die Sahelzone infolge von Wüstenbildung und Dürren verlassen müssen, bis hin zu Hunderttausenden, die vor Gefahren wie immer häufiger auftretenden und intensiveren Waldbränden und Tropenstürmen fliehen.

Weltweit leiden die Menschen, die am wenigsten für die Klimakrise verantwortlich sind, am schlimmsten unter ihren Auswirkungen: 1,4 Milliarden Menschen könnten bis 2060 gezwungen sein, ihr Zuhause zu verlassen. Die Frage ist nicht, ob dies geschehen wird oder nicht, sondern wie die internationale Gemeinschaft in der Lage sein wird, die Rechte, die Leben und die Würde dieser Menschen zu schützen.

Ich habe mein Land verloren. Der Fluss hat mir alles genommen. Ich kann nirgendwo hingehen.

Shoripa Bibi aus dem Dorf Kalikabari lebt jetzt in einem Slum in Mirpur, Dhaka

Bangladesch von oben

In Bangladesch wird Schätzungen zufolge bis 2050 jeder siebte Mensch durch den Klimawandel vertrieben werden.

Fehlender Rechtsrahmen, Weltgemeinschaft versagt

Menschen, die durch die Klimakrise vertrieben wurden, fallen durch das Raster unseres internationalen Rechtssystems. Die Weltgemeinschaft versagt in ihrer Verantwortung, diese gefährdeten Menschen zu schützen. Die internationalen Rechtsrahmen für Migration und Flüchtlingsrechte haben keine Kategorien, welche die neue Realität der klimabedingten Zwangsmigration widerspiegeln.

Teilweise werden allmählich Fortschritte auf dem Weg zu einem neuen Rahmen sichtbar, der die Zusammenhänge zwischen Klimawandel, Konflikten und Migration anerkennt und sich zum Schutz von Klimaflüchtlingen verpflichtet. Sowohl der Global Compact on Migration (2018) als auch der Global Compact on Refugees erkennen klimabedingte Vertreibung in ihrer Sprache an.

Doch diese Vereinbarungen sind weder rechtsverbindlich noch liefern sie eine durchsetzbare Definition der Menschen, die durch die Klimakrise vertrieben werden. Sie sind lediglich ein Ausgangspunkt für die internationale Diskussion über Klimaflüchtlinge. Ein stärkeres globales politisches Engagement ist nach wie vor dringend erforderlich.

Ich denke, indigene Völker sind immer die ersten, die über den Klimawandel Bescheid wissen und ihn wahrnehmen, weil wir so eng mit der Natur verbunden sind.

Maxida Märak, Sami-Aktivistin und Musikerin

Auf dem Weg zu einer Lösung

In einem Urteil vom vergangenen Jahr erklärten die Vereinten Nationen, dass Regierungen Menschen nicht das Recht auf Asyl verweigern können, wenn ihr Leben in ihrem Heimatland durch die Klimakrise gefährdet werde. Diese Entscheidung ist zwar ein Hoffnungsschimmer hinsichtlich der Bereitschaft internationaler Gremien, die Bedrohung durch die Klimakrise rechtlich anzuerkennen. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass unser bestehender Rechtsrahmen derzeit nicht auf dem aktuellen Stand ist.

Es sind die verwundbarsten Gemeinschaften der Welt, die bereits jetzt mit der unmittelbaren Bedrohung ihres Lebens und ihrer Lebensgrundlagen konfrontiert sind – und das, obwohl sie wenig bis gar keine Verantwortung für die verheerenden Auswirkungen der globalen Klimakrise tragen. Wir brauchen ein neues, von der bestehenden Genfer Konvention getrenntes Regelwerk mit einer klaren rechtlichen Definition von Klimaflüchtlingen und verbindlichen Rechten und Pflichten zum Schutz der Menschen, die aufgrund der Klimakrise gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen.

Der Zusammenbruch des Klimas ist keine Bedrohung, die in ferner Zukunft liegt; der Klimakollaps passiert jetzt. Wir brauchen dringend Führung und Visionen auf allen Ebenen, um die Rechte der Opfer der Klimakrise zu schützen und die verheerenden Auswirkungen der Klimakatastrophe auf Menschen weltweit abzuschwächen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich von Ecohustler veröffentlicht und wird mit Genehmigung veröffentlicht.

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