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Weltweit größtes Feuchtbiotop brennt lichterloh
Sep. 21, 2020

Weltweit größtes Feuchtbiotop brennt lichterloh

Von EJF Deutschland

Im Pantanal leben rund 1.200 Wirbeltierarten, darunter Jaguare, Riesenflussotter, Tapire und Ameisenbären. Doch das größte tropische Sumpfgebiet steht wie nie zuvor in Flammen. Lang anhaltende Dürre und Brandrodung sind der Grund für die zerstörerischen Brände. Schnelle Maßnahmen sind dringend nötig, sonst droht dieser einzigartige Ort der Artenvielfalt bis 2050 komplett zu verschwinden.

Einzigartige Sumpfgebiete akut bedroht

Das Pantanal ist fast halb so groß wie Deutschland und einer der artenreichsten Lebensräume weltweit. Es erstreckt sich von Bolivien über Paraguay bis nach Brasilien und bildet das Zuhause unzähliger Wildtiere, mit der höchsten Populationsdichte von Jaguaren, Riesenottern, Kaimanen und Vögeln. Viele Vogelarten nutzen das Pantanal als Zwischenstopp auf ihren jährlichen Reise gen Süden und zurück.

Rund 1,2 Millionen Menschen leben im Pantanal. Das Feuchtbiotop reinigt und liefert Wasser und schützt Menschen vor Überschwemmungen. Expert*innen schätzen, dass ein gesundes Pantanal Dienstleistungen im Wert von 112 Milliarden US-Dollar erbringt. Nicht eingerechnet sind die Einnahmen aus dem Ökotourismus, einschließlich des Jaguar-Tourismus, der allein im Park Encontro das Aguas schätzungsweise 6,8 Millionen US-Dollar pro Jahr generiert.

Wie viele andere tropische Gebiete ist auch das Pantanal permanenter Gefahr ausgesetzt. 12 Prozent des Ökosystems sind bereits gerodet worden, weniger als 5 Prozent stehen unter Naturschutz. Doch die Bedrohungen sind zahlreich: Kleine Landwirtschaftsbetriebe wurden von großen Industriefirmen verdrängt. Dies führte zu steigender Abholzung. Der Einsatz von Brandrodung ist das bevorzugte Mittel, um Land für Vieh und Pflanzungen nutzbar zu machen.

Weitere Bedrohungen sind u.a. Chemikalien, die in der Landwirtschaft verwendet werden und in die Gewässer des einzigartigen Ökosystems gelangen. Bergbau, Wasserkraftanlagen und andere industrielle Aktivitäten flussaufwärts fressen sich immer weiter in das Feuchtbiotop hinein und zerstören es. Das im Bergbau verwendete Quecksilber hat die Flüsse des Pantanal bereits kontaminiert.

Der "perfekte Sturm"

In jeglicher Hinsicht sind all diese Aktivitäten eine ernstzunehmende Bedrohung für den Fortbestand des Pantanals. Dieses Jahr kommt es allerdings zu einer wahrhaftigen Krise: Von Januar bis Mai blieben die Fluten, die Flüsse wieder auffüllen, Vegetation und Böden am Leben halten, aus.

Im Pantanal fiel nur die Hälfte der sonst durchschnittlichen Niederschlagsmenge. Der Río Paraguay, der durch das ganze Pantanal fließt, ist auf seinem niedrigsten Stand seit 1973 angelangt. Die schwere Dürre hat die unterirdischen Torfböden stark ausgetrocknet, sodass aktuell die schlimmsten Brände seit Beginn der Aufzeichnungen unkontrolliert wüten.

Ein Rekord wurde am 6. September 2020 verzeichnet, als 23.490 Quadratkilometer brannten – das entspricht fast 16 Prozent des brasilianischen Pantanals. Der für seine Jaguare weltberühmte Touristenmagnet, der Encontro das Aquas Park, steht in Flammen. Neben unzähligen Tierarten wie Wasserschweinen, Nasenbären und Primaten starben mindestens 200 Jaguare, weil sie dem Feuer nicht entkommen konnten.

Die Feuer sind extrem schwer unter Kontrolle zu bringen, da auch der grundlegende Torf brennt. Gräben werden normalerweise ausgehoben, um die Brände einzudämmen. Einsatzkräfte vor Ort, wie Feuerwehrmann Isaac Wihby sind ratlos: "Wie macht man das, wenn 20 Kilometer weit alles in Flammen steht?"

Viele dieser Feuer sind zweifelsfrei absichtlich gelegt worden, um Böden für die Landwirtschaft zu gewinnen. Die aktuelle Dürre führt jedoch dazu, dass sonstige Feuerschneisen wie Bäche und Straßen die Flammen nicht mehr zurückhalten können. Die brasilianische Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro hat die illegale Abholzung ignoriert und Maßnahmen erlassen, diese nachträglich zu legalisieren.

Ein 120-tägiges Moratorium für die Brandrodung im Amazonas sowie im Pantanal, das im Juli erlassen wurde, wird wahrscheinlich keinen Unterschied machen. Menschen vor Ort berichten, dass fast alle Brände im Jahr 2020 durch illegale Brandrodung ausgelöst wurden, welche nach Ankündigung des Moratoriums begannen.

Lokale und globale Lösungen

Aktuell haben Feuerwehr-Truppen vor Ort Unterstützung am dringendsten nötig. Die brasilianischen Teams kämpfen nicht nur gegen Brände im Amazonas, sondern auch gegen die Covid-19-Pandemie. In Brasilien ist die finanzielle Unterstützung von Umweltagenturen ein wichtiger nächster Schritt, da sie gewährleisten, dass Brandstifter vor Gericht gebracht werden. Sie sollte mit einem besseren Schutz der indigenen Gebiete sowie der konsequenten Eigenverwaltung ihres Landes einhergehen. Die rückwirkende Legalisierung der illegalen Besiedlung und Erschließung von Land in Schutzgebieten sowie in indigenen Gebieten – auch bekannt als "Landraub-Gesetz" – muss umgehend gestoppt und rückgängig gemacht werden.

Über die brasilianischen Landesgrenzen hinaus könnten neue Gesetze zur Einführung von Sorgfaltspflichtanforderungen für Lieferketten von forstwirtschaftlichen Rohstoffen, welche in die EU importiert und Auswirkungen auf die Umwelt begrenzen sollen, Wirkung zeigen und wegweisend sein. Längerfristig könnten Regulierungen, welche die bilateralen Beziehungen zwischen der EU und Ländern wie Brasilien stärken, einen ähnlichen Effekt haben.

Die EU hat ihre Bereitschaft signalisiert, Umweltbedingungen als Teil ihrer Handelsabkommen mit Lateinamerika aufzunehmen. Dies muss ein zentraler Bestandteil zukünftiger Verhandlungen sein. Spätestens mit den Bränden im Pantanal, die bereits viermal so groß sind wie der größte Brand im brasilianischen Amazonas, ist jetzt die Zeit zum Handeln gekommen.

Das Überleben des Pantanals erfordert globale Anstrengungen. Die verheerenden Brände, die sich durch das Pantanal ziehen, ähnlich wie im Amazonas und in Kalifornien und wie zuvor in Sibirien und Australien, haben durch die Klimakrise erheblich zugenommen.

Nur schnelle, ehrgeizige Maßnahmen aller Staaten, wie die Einhaltung ihrer Klimaverpflichtungen und -ziele, können dieses einzigartige Ökosystem sowie die von ihm abhängigen Menschen und Tiere retten. Der Zusammenbruch des Klimas wartet nicht – und wir können es auch nicht länger.

Bildnachweis: Das Titelbild dieses Artikels, das hier verkleinert eingefügt ist, wurde mit freundlicher Genehmigung von Bernard Dupont zur Verfügung gestellt und unterliegt der Creative Commons Lizenz.