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Im Exil in Sierra Leone
Juni 10, 2021

Im Exil in Sierra Leone

Von Steve Trent, EJF Geschäftsführer (CEO) und Gründer

Sierra Leone kämpft mit illegaler Fischerei, bei der ausländische industrielle Trawler in die für die handwerklichen Kanufischer reservierten Küstengewässer eindringen.

Die Geschichte dreier Männer, die durch illegale Fischerei verarmt und gezwungen sind, sich dem zerstörerischen Mangrovenabbau zuzuwenden, zeigt, wie dringend es ein Rahmenwerk für Umweltgerechtigkeit braucht.

Im Frühjahr 2020 waren Joe, Baggi und Kainyenga alle stolze Fischer. Geboren und aufgewachsen im Häuptlingstum Sittia im Distrikt Bonthe in Sierra Leone waren sie Teil einer Tradition, die seit Generationen existiert.

Jeden Morgen machten sie ihre Kanus bereit und paddelten hinaus zu den Fischgründen. Jeden Abend landeten sie an den Stränden ihre Fänge an, feilschten mit Fischhändlern und gingen nach Hause zu ihren Familien.

Bedrohung

Doch für alle drei gehört dieses Leben nun der Vergangenheit an. Wenige Monate bevor wir im Oktober diesen Jahres mit ihnen sprachen, zerstörten Trawler, die illegal in küstennahen Gewässern fischten, ihre Netze. Sie erhielten keine Entschädigung, weder von den Schiffseignern noch von der Regierung. Da sie keine Möglichkeit hatten, ihre Schulden zu bezahlen, flohen sie.

Die Menschen in Bonthe leben seit Jahrhunderten von der Fischerei als Hauptlebensgrundlage und Nahrungsquelle. Doch diese Lebensweise ist bedroht.

Sierra Leone wird von illegaler Fischerei geplagt, bei der ausländische industrielle Trawler in die Küstengewässer eindringen, die den Kanufischern vorbehalten sind. Ihre Netze fangen riesige Mengen an Meereslebewesen, zerstören Lebensräume, vernichten Fischpopulationen und zerreißen oft die Netze der Kanufischer.

Viele Kleinfischer in Sierra Leone nehmen Kredite auf, um ihre Fangtouren und ihre Ausrüstung zu finanzieren. Sie leihen sich das Geld nicht von Finanzinstituten, sondern von anderen Mitgliedern der Gemeinde und zahlen ihre Schulden im Laufe der Zeit durch den Verkauf ihrer Fänge zurück.

Die meisten sind Schätzungen zufolge mit etwa 700-900 US-Dollar verschuldet. Eine beträchtliche Summe für Menschen, deren monatliches Einkommen wahrscheinlich nicht mehr als 100 US-Dollar beträgt.

Exil

Jetzt, ohne Aussicht auf Entschädigung, müssen Joe, Baggi und Kainyenga im Exil leben. Wann immer sie hören, dass Leute aus Sittia in der Stadt sind, verstecken sie sich – teils aus Angst vor Vergeltung, meist aber aus Scham. Seit Monaten haben sie nicht mehr mit ihren Familien oder Freunden gesprochen.

Ohne Hoffnung auf Rückkehr und ohne die Möglichkeit zu fischen, haben sich die drei Männer dem Abholzen der Mangrovenwälder im Mündungsgebiet des Sherbro-Flusses zugewandt, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Trotz sporadischer Bemühungen, das Abholzen zu kontrollieren, werden die Mangroven von der Regierung in Sierra Leone nicht gesetzlich geschützt. Stattdessen werden sie durch traditionelle Verordnungen kontrolliert, die von Häuptlingstümern und Community Management Associations der Fischergemeinden erlassen werden.

Mancherorts ist die nachhaltige Bewirtschaftung der Mangroven besser gelungen als anderswo, aber insgesamt ist die Fläche, die mit Mangroven bedeckt ist, in Sierra Leone Schätzungen zufolge seit 1990 um etwa 25 Prozent zurückgegangen.

Mangroven erbringen überaus wichtige Ökosystemdienstleistungen für die Menschen in Sierra Leone. Sie unterstützen die Fischerei, indem sie Aufwuchs- und Laichgebiete für die meisten Arten bieten, die in Sierra Leone kommerziell verkauft werden.

Verlust

Mangroven schützen die Küsten vor Erosion – eine enorme Bedrohung für die Küstengemeinden des Landes – und vor anderen direkten Auswirkungen der Klimakrise, wie zum Beispiel immer stärkeren Stürmen.

Sie kommen auch Sierra Leone und der Weltgemeinschaft im Allgemeinen zugute, da sie enorme Mengen an Kohlenstoff aufnehmen und speichern – viermal so viel pro Hektar wie tropische Wälder.

Der Dominoeffekt ist leicht zu erkennen: Wenn Trawler weiterhin illegal in küstennahen Gewässern fischen und damit die Lebensgrundlage der lokalen Fischer zerstören, werden sich immer mehr Menschen dem Mangrovenabbau als Alternative zuwenden und der Schutz und die Leistungen, die diese Ökosysteme für die Gemeinschaften und den Planeten bieten, gehen verloren.

Mit dem Verlust der Mangroven wird wahrscheinlich eine Vielzahl weiterer miteinander verflochtener ökologischer und menschlicher Konsequenzen folgen.

Die Degradierung von Mangroven bedeutet weitere Küstenerosion, was eine Zwangsumsiedlung von Küstengemeinden und einen Zustrom in städtische Gebiete bedeutet. Weiterer Druck auf die Städte wird steigende Ungleichheit, Armut und Spannungen zur Folge haben.

Gerechtigkeit

Die Geschichte von Joe, Baggi und Kainyenga ist kein Einzelfall. Regelmäßig berichten Fischer, dass ihre Netze von Trawlern zerstört werden, und es gibt derzeit keine Möglichkeit für sie, von den Tätern eine Entschädigung zu erhalten.

Nur wenn wir Umweltgerechtigkeit erreichen – also das gleiche Recht auf eine sichere und gesunde Umwelt für alle, in einer Welt, in der Ökosysteme gedeihen – können wir den Teufelskreis der Zerstörung durchbrechen.

Menschen wie diese Männer sollten in der Lage sein, einen fairen, nachhaltigen Lebensunterhalt zu verdienen, ohne befürchten zu müssen, dass er ihnen von denen genommen wird, die die natürliche Welt bis zum Zusammenbruch ausbeuten.

Diese traurige Geschichte von Ausbeutung und Degradierung wiederholt sich auf der ganzen Welt. Die Ökosysteme der Erde, die unser Lebenserhaltungssystem bilden, sind einer noch nie dagewesenen Belastung ausgesetzt. Lokalen Gemeinden und indigenen Völker, deren Leben direkt von ihnen abhängt, werden auseinandergerissen.

Aus diesem Grund müssen wir als globale Gemeinschaft für Umweltgerechtigkeit kämpfen und erreichen, bevor es zu spät ist.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei The Ecologist und wird hier mit Genehmigung veröffentlicht.