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Krise genug, um zu handeln?

Deutschland ist der größte Emittent von Treibhausgasen in der EU. Bei der Bildung der neuen Regierung muss klar sein: Klimaschutz und Klimagerechtigkeit – innerhalb Deutschlands und international – sind die zentrale Priorität.

Für viele Menschen in Deutschland war die Klimakrise abstrakt, wirkte sich in anderen Ländern aus oder lag in ferner Zukunft. Spätestens der Sommer 2021 machte es vielen schmerzhaft bewusst: Die Krise ist längst da und entfaltet sich in allen Regionen der Erde.

Im Juli starben infolge von Starkregen und Überschwemmungen mehr als 180 Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Das Extremwetter zerstörte Lebensgrundlagen und verwüstete Landstriche. Eine Studie belegt: Die globale Erhitzung spielte eine wesentliche Rolle und macht solche Katastrophen wahrscheinlicher.

Eine Frage der Verantwortung

Der Weltklimarat sagt unmissverständlich: Der Mensch verursacht die Klimakrise. Er ist Hauptverursacher für den Rückgang des arktischen Meereises, den Anstieg des Meeresspiegels, für die steigende Häufigkeit und Intensität von Hitzeextremen. Viele Veränderungen werden häufiger und intensiver. Als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt hat Deutschland übermäßig zu der Klimakrise beigetragen – und tut dies nach wie vor.

Unter den EU-Staaten ist Deutschland der größte Emittent von Treibhausgasen und sein Pro-Kopf-Ausstoß ist doppelt so hoch wie der aktuelle weltweite Durchschnitt. Außerdem ist Deutschland Entwaldungs-Champion: Zwischen 2005 und 2017 verursachte die Bundesrepublik jährlich mehr als 23 Millionen Tonnen CO2 durch die Rodung tropischen Waldes für importierte Waren. Und Deutschland steht in der Verantwortung für die gesamten historischen CO2-Emissionen weltweit an sechster Stelle.

Ein Großteil der Emissionen und der Probleme, die wir weltweit haben, werden von den reichen Ländern verursacht. Deutschland ist eines der Hauptverursacherländer und deswegen müssen wir auch die Hauptlasten tragen. […] Wir haben die Technologien, wir haben ausreichend Geld, klimaneutral zu werden.

Prof. Dr.-Ing. Volker Quaschning, HTW Berlin

Ein Klima der Ungerechtigkeit

Für viele ärmere, weniger privilegierte Länder sind Katastrophen, wie reichere Länder sie in diesem Jahr erlebten, nichts Neues. Zwischen 1995 und 2014 ereigneten sich 89 % aller sturmbedingten Todesfälle in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Derweil verursachen nur zehn Länder ungefähr 60 % der Treibhausgasemissionen. Die 100 Länder mit den geringsten Emissionen verursachen gerade einmal 3 %. Und die reichsten 10 % der Weltbevölkerung sind für mehr als die Hälfte der gesamten Kohlenstoffemissionen von 1990 bis 2015 verantwortlich – die ärmste Hälfte für 7 %.

Jedes Jahr gibt es Stürme, Dürren, starke Regenfälle, Überschwemmungen. Das ist zutiefst ungerecht, weil Madagaskar nicht zur globalen Erwärmung beigetragen hat. Aber der Klimawandel ist mehr als nur Treibhausgasemissionen. Er hat soziale und politische Wurzeln.

Dr. Tsiry Rakotoarisoa, Referent KlimaGesichter, Deutsche KlimaStiftung

Hinter diesen abstrakten Zahlen, hinter jeder Tonne CO2, stehen unzählige Menschenleben. Eine Milliarde Kinder sind derzeit durch die Klimakrise extrem gefährdet. Wetter- und Naturkatastrophen lösten im Jahr 2020 30,7 Millionen neue Binnenvertreibungen aus. Bis zum Jahr 2030 sind bis zu 132 Millionen Menschen zusätzlich aufgrund des Klimawandels von extremer Armut bedroht.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Klimakrise eine Menschenrechtskrise ist. Sie können sich die Auswirkungen auf das Recht auf Leben, auf Gesundheit, auf Nahrung, auf Wasser, auf eine sichere, saubere und gesunde Umwelt ansehen. Die Klimakrise verschärft bestehende Bedrohungen für all diese Menschenrechte.

David R. Boyd, UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte und Umwelt

Jene Gemeinschaften, die am wenigsten zu Umweltzerstörung und Klimakrise beitragen, sind als erste und am schwersten betroffen. Die unverhältnismäßigen Auswirkungen auf bereits ausgegrenzte, diskriminierte und entrechtete Menschen vertiefen bestehende Ungerechtigkeiten. Zugleich fehlt es besonders betroffenen Menschen oft an politischer Macht, Beteiligungsmöglichkeiten und dem Zugang zu Recht.

Unsere Art zu leben, besteht darin, aus dem, was uns Mutter Natur zum Überleben gibt, das Beste zu machen. Wir wollen nicht reich werden. Aber wir sind diejenigen, die unter den Folgen dessen leiden, was andere tun.

Yuri Israel Lampson, indigener Jugendleiter über die Wirbelstürme Eta und Iota, Nicaragua

Selbst innerhalb derselben Regionen spüren nicht alle Menschen die Auswirkungen in gleicher Weise. Dazu gehören unter anderem indigene Menschen, Kinder, Frauen, Vertriebene oder Menschen mit geringem Einkommen. Zum Beispiel sind in Mexiko Menschen in der unteren Hälfte der Einkommensverteilung einem 80 % höheren Risiko ausgesetzt, an den Folgen von Temperaturschocks zu sterben.

Der Kern der Krise ist, dass die Verantwortung und die Auswirkungen nicht gleichmäßig verteilt sind. Klimagerechtigkeit bedeutet für mich, dass wir sicherstellen müssen, dass wir den Menschen zuhören, dass wir von den Menschen lernen, die an vorderster Front von den Klimaauswirkungen betroffen sind, dass wir das Leben der Menschen in den Vordergrund stellen.

Tonny Nowshin, Klimagerechtigkeits- & Degrowth-Aktivistin

Klimagerechtigkeit „made in Germany“?

Die Bundesrepublik wird im Jahr 2021 voraussichtlich den größten Anstieg der Treibhausgasemissionen seit 30 Jahren verzeichnen. Zudem zeigte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, dass keine Partei im Bundestag mit den im Wahlprogramm festgehaltenen Maßnahmen das 1,5-Grad-Ziel einhalten würde. Dabei liegt die globale Temperatur schon jetzt 1,1 °C über dem vorindustriellen Durchschnitt.

Unser Wissen über die Klimakrise war nie größer und wir können immer noch langfristig die Auswirkungen der globalen Erwärmung begrenzen. Eine schnelle Verringerung von Emissionen ist alternativlos – auf Basis sozial gerechter, gesamtgesellschaftlicher und Sektoren übergreifender Ansätze. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Temperatur gegen Ende des 21. Jahrhunderts wieder auf unter 1,5 °C sinken wird, wenn Emissionen sofort und nachhaltig reduziert werden – hunderte Millionen weniger Menschen, die regelmäßig von extremen Hitzewellen betroffen wären oder Millionen weniger, die durch den Anstieg des Meeresspiegels ihre Heimat verlieren würden.

Zu oft wird Klimaschutz als Kostenfaktor verstanden. Dabei ist eine gerechte, ambitionierte Klimapolitik das beste Mittel für gerechtere und überlebensfähige Gesellschaften, und um neue Chancen zu eröffnen wie die Entstehung neuer Jobs oder die Verringerung von Ungleichheiten.

Jedes Zehntelgrad, jede Maßnahme zählt. Deutschland muss bis 2035 Netto-Null-Emissionen erreichen, bis 2030 vollständig aus der Kohle aussteigen und bis 2035 eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien erreichen. Gerechter Klimaschutz muss in alle politischen Bereiche integriert werden. Außerdem muss sich Deutschland stärker für ein gerechtes und effektives System der Unterstützung von als erstes und am stärksten betroffenen Gemeinschaften einsetzen – zum Beispiel in Klimapartnerschaften und mit einer höheren, fairen transparenten Klimafinanzierung.

Es ist die Verpflichtung der Verursacher, sofortigen Zugang zu Ressourcen und Finanzmitteln zu gewähren, die die Resilienz betroffener Gemeinschaften stärken und die Anpassung und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Katastrophen ermöglichen. [...] Das Ziel muss eine integrative, gleichberechtigte und auf Rechten basierende Gesellschaft sein, die das Recht auf ein gesundes Leben für jeden Einzelnen anerkennt.

Jyoti Awasthi (Laxmi) & Nakul Sharma, Climate Action Network South Asia

Eine Chance für Veränderung

Die Verantwortlichen müssen jede Maßnahme, jedes Gesetz, auf die Auswirkungen auf Menschenrechte überprüfen, um weitere Diskriminierung, Ausgrenzung und Ausbeutung zu verhindern. Für eine klimagerechte Zukunft müssen wir der Vielfalt unserer Gesellschaften Rechnung tragen und Menschenrechte ohne Diskriminierung achten, schützen und verwirklichen.

Die kommende Legislaturperiode ist entscheidend. Der nächste Bundestag und die neue Bundesregierung müssen die Auswirkungen der Klimakrise auf Menschenrechte und die globale Gerechtigkeit anerkennen und konkrete Maßnahmen umsetzen, die der Dringlichkeit und dem Ausmaß der Herausforderung gerecht werden. Der Wandel wird nicht einfach, aber wir sollten ihm mit Zuversicht begegnen.

Klimaschutz bedeutet neue Möglichkeiten, neue Chancen, bedeutet soziale Gerechtigkeit. Die Klimakrise ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und es muss sich ganz viel ändern, das ist aber auch okay: Das gibt uns sehr viele neue Möglichkeiten. Sehr, sehr viele Chancen für Leute, die vorher keine Chancen hatten.

Leonie Bremer, Pressesprecherin Fridays for Future Deutschland

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