Spenden
Canoes in Elmina

Saiko: eine ökologische Katastrophe

Eine von Portugiesen erbaute Burg aus dem 15. Jahrhundert dominiert die alte Hafenstadt Elmina in der Zentralregion Ghanas. Schwarzmilane ziehen ihre Kreise über den Fischmarkt, der an seinem nördlichen Rand von einem tiefen Kanal begrenzt wird. Er reicht bis zu einer Brackwasserlagune, die vom Benya-Fluss gespeist wird.

Ich gebe mein Bestes, um wie ein Tourist auszusehen, bewege mich unbeholfen durch den Markt, drehe kurze Clips, schieße Bilder. Eine versteckte Kamera fixiert an einem Knopf meines Hemds fängt die Szene ein. Fischhändler schlängeln sich mit großen Aluminiumschüsseln, in denen Fische auf dem Kopf balanciert werden, durch die Menschenmengen und schieben mich auf dem Weg zum Kai zur Seite.

Nahrung und Einkommen

Ghana ist stark auf die Fischereiindustrie angewiesen. Sie bringt jedes Jahr über 1 Milliarde US-Dollar ins Land und beschäftigt über 2,5 Millionen Menschen.

Am Kai wird Fisch an Ketten von Arbeitern aus den Laderäumen der Boote entlang geführt. Dampf steigt aus den Bäuchen der breiten Hochsee-Kanus auf, wo im Morgenlicht Tausende von Blöcken gefrorener Fische aufzutauen beginnen.

Diese Kanus haben keine Ausrüstung an Bord, um Fisch auf See einzufrieren; nur Industrieschiffe sind dazu in der Lage. Sie haben nicht einmal Fischernetze. Als ich meine Kamera hebe, um die Szene einzufangen, schlägt ein Mann auf sie ein. Er fragt, wer ich bin und was ich tue. "Lösch' die Bilder", befiehlt er mir.

Als ich meine Kamera hebe, um die Szene einzufangen, schlägt ein Mann auf sie ein. Er fragt, wer ich bin und was ich tue. "Lösch' die Bilder", befiehlt er.

Tim Young, EJF Campaigner

Was in Elmina und in Hafenstädten entlang der gesamten ghanaischen Küste passiert, ist als "Saiko" bekannt. Die illegale Praxis war ursprünglich ein informelles Handelssystem zwischen industriellen Trawlern, die eine Lizenz für den Fischfang in den Gewässern Ghanas besitzen, und lokalen Kanufischern, die es speziell auf kleine pelagische Fische, wie Sardellen und Sardinellen, abgesehen haben.

Die Trawler fingen diese kleineren Arten manchmal unbeabsichtigt, während sie auf hochwertigen Fisch für den Export zielten. So frierten sie diesen ungewünschten "Beifang" ein und tauschten ihn anschließend mit den ortsansässigen Kanufischern gegen andere Güter, wie Trinkwasser, Obst und sogar Vieh.

Ein offenes Geheimnis

"Saiko" lautet das Wort, das von Fischern verwendet wird, um den illegalen Transfer von Fisch zwischen Booten zu beschreiben.

Weil kommerziell genutzte Fischarten infolge. von Überfischung schrumpften, begannen industrielle Trawler damit, verstärkt kleinere Fische ins Visier zu nehmen und sie gewinnbringend an lokale Fischergemeinden zurück zu verkaufen. Als schließlich auch kleine Bestände immer mehr abnahmen, hörten einige der lokalen Fischer auf, ihre Netze ins Meer zu werfen und trafen sich stattdessen mit Trawlern auf See, füllten ihre Kanus mit gefrorenem Fisch und kehrten in den Hafen zurück.

Mit der Zeit fingen skrupellose Geschäftsleute an, sich einzumischen und in speziell angepasste Kanus zu investieren, die Zehntausende Kilogramm Fisch pro Fahrt transportieren konnten. Der illegale Handel boomte. "Saiko" ist das Wort, das von Fischern verwendet wird, um diesen illegalen Transfer von Fisch zwischen den Booten – bekannt als Umladung auf See – zu beschreiben.

Mittlerweile existiert eine Industrie, die jährlich über 50 Millionen US-Dollar wert ist und Ghanas Meere an den Rand des Zusammenbruchs treibt. Jüngsten Einschätzungen zufolge könnte Ghanas Fischerei innerhalb von fünf Jahren zusammenbrechen, wenn nicht dringend und drastisch eingegriffen wird. Gegenwärtig ist das Land gezwungen, weit mehr als die Hälfte des konsumierten Fisches zu importieren.

Ich mache mir Sorgen um meine Kinder. Es wird zu ihren Lebzeiten keine Fische mehr im Meer geben.

Kweku, Fischer in Ankaful

Im Gespräch mit Ekuwa, einem Fischhändler in der Stadt Ankaful nördlich von Elmina, wird deutlich, was für eine Katastrophe "Saiko" auslöst. "Es gab eine Menge Fisch, als ich anfing, als Fischhändlerin zu arbeiten. Dann kam Saiko und die Kanus hörten auf, alle Arten an Fisch zu fangen. Saiko hat unseren Ozean zerstört. Die Trawler fangen alles, was unseren Ehemännern zustehen sollte." Ekuwas Ehemann Kweku, selbst Fischer, ist genauso besorgt. "Ich mache mir Sorgen um meine Kinder. Es wird zu ihren Lebzeiten keinen Fisch mehr im Meer geben."

Für Ekuwa und die vielen tausend Frauen entlang der 540 km langen Küste Ghanas ist Fisch die Lebensgrundlage. Und für die vielen Millionen Menschen, die in Ghana frischen und verarbeiteten Fisch kaufen, ist er eine wichtiger tierischer Eiweißlieferant und damit von entscheidender Bedeutung für die Gesundheit und Ernährungssicherheit.

Es gab eine Menge Fisch, als ich anfing, als Fischhändlerin zu arbeiten. Dann kam Saiko und die Kanus hörten auf, alle Arten an Fisch zu fangen. Saiko hat unseren Ozean zerstört.

Ekuwa, Fischhändlerin in Ankaful

Illegale Fischerei ist systemisch in Westafrika. Sanktionen werden selten verhängt, trotz eines kürzlich verbesserten und relativ starren Rechtsrahmens. Doch es existiert ein offenes Geheimnis in Ghanas Industriefischereiindustrie, das jede Art von Abschreckung untergräbt.

Etwa 90% der Trawler werden von chinesischen Unternehmen betrieben, obwohl der ausländische Besitz von Schiffen in Ghana verboten ist. Die meisten operieren mithilfe von ghanaischen "Scheinfirmen", doch die Gewinne aus ihren illegalen Aktivitäten fließen aus dem Land – ein System, das es fast unmöglich macht, die wahren Nutznießer des illegalen Fischfangs zu verfolgen und zur Rechenschaft zu ziehen...

Aufbau eines nachhaltigen Fischereisektors

Sowohl in Westafrika als auch auf der ganzen Welt dokumentiert EJF illegale Fischerei und kämpft dafür, Fischergemeinden in die Lage zu versetzen, die Ressourcen zu schützen, auf die sie für ihre Ernährung und ihr Einkommen angewiesen sind.

Bis heute hat die Zusammenarbeit von EJF und lokalen Gemeinden zu zahlreichen Untersuchungen, zu Strafanzeigen gegen die Betreiber sowie zu Geldstrafen in Millionenhöhe geführt.

In Ghana setzen sich EJF-Teams gemeinsam mit einem umfangreichen Netzwerk an Aktivist*innen aus den Gemeinden dafür ein, die Fischereiüberwachung vor Ort sowie auf politischer Ebene zu stärken.

Dieser Foto-Essay erschien ursprünglich in Ausgabe 14 des Oceanographic Magazine und wird mit Genehmigung veröffentlicht.

Weitere Beiträge